Das Projekt

Kurzfassung:

Ziele:
– Klärung der Herkunft (Brutgebiete) der in Nordostdeutschland überwinternden Singschwäne
– Beantwortung der Fragen:
Wo mausern (nichtbrütende) Singschwäne?
Wo halten sich junge Singschwäne im Alter von 2-5 Jahren auf?
Wie großflächig nutzen Singschwäne ihr Winterquartier?
Wie hoch bzw. schnell fliegen Singschwäne auf dem Zugweg über Land?
Welche Schutzmaßnahmen können daraus abgeleitet werden?
etc.

Die Liste der Ziele ließe sich nahezu unbegrenzt erweitern. Die Datenlogger zeichnen je nach Batterieladestand alle 20 Minuten unterschiedliche Parameter auf und ermöglichen somit vielfältige Auswertungen. Ein Hauptanliegen besteht in der Anfertigung meiner Master-Arbeit (Biologiestudium) aus den entstehenden Daten.

Das Projekt wird finanziert von HeidelbergCement (Werk Elster-Kies) und BirdLife International und tatkräftig unterstützt bzw. getragen von vielen ehrenamtlichen Ornithologen. Seit 2011 unterstützt das Kooperationsbündnis von HeidelbergCement und BirdLife International Projekte, welche sich mit Forschung und Renaturierung in und an Steinbrüchen bzw. Kiesgruben beschäftigen.
Der Auslöser für den Start des Datenlogger-Projekts waren über 1100 überwinternde Singschwäne auf der Kiesgrube Lindwerder im Landkreis Wittenberg (Winter 2012/2013). Danach ging alles sehr schnell – Vorstellung des Projektkonzepts – Zusage – Anpassung einiger Details – Datenlogger bestellen – Schwäne fangen.
Ein „Bilderbuch-Start“ eines vielversprechenden und umfangreichen Projekts zur Erforschung und dem Schutz der „Gelbschnäbel“.

 


 

Ausführliche Projekt-Beschreibung

Von der Idee bis zur Umsetzung in elf Monaten

Alles begann mit einer außergewöhnlich großen Ansammlung von Singschwänen auf der Kiesgrube Lindwerder/Dixförda (Jessen, Landkreis Wittenberg, Sachsen-Anhalt). Im Winter 2012/2013 hielten sich dort bis zu 1120 Sing- und 34 Zwergschwäne gleichzeitig auf (Abb. 1). Dieses Ereignis veranlasste den Biologen Axel Schonert und mich (Nico Stenschke, Biologie-Student) dazu, ein Projektkonzept zu entwerfen, um Singschwäne mittels moderner Technik zu erforschen. Das Projekt wurde Anfang März 2013 beim Werkleiter Markus Leonhardt und Tina Gölzer (Projekt-Betreuerin aus Heidelberg) vorgestellt. Zur großen Freude aller Beteiligten stellte sich heraus, dass das Datenlogger-Projekt auf sehr fruchtbaren Boden stieß. Das Kooperationsbündnis von Heidelberg Cement und BirdLife International unterstützt Projekte, welche sich u.a. mit Renaturierungsmaßnahmen, der Erforschung und dem Schutz der Flora und Fauna in Kiesgruben und Steinbrüchen befassen. Am 05. März 2013 war die Geburtsstunde des Projektes zur Erforschung der Singschwäne mithilfe von Datenloggern, gefördert durch Heidelberg Cement und BirdLife International. Das Konzept wurde angepasst und nach kurzer Zeit begann bereits die Planung für bevorstehende Abläufe: Bau der Datenlogger, Fangvorbereitung und viele weitere Details mussten besprochen und geklärt werden. Durch Vergabe von Patenschaften und einer großzügigen Spende konnte ein weiterer Datenlogger angeschafft werden. Nun galt es, mindestens 12 Singschwäne mittels Kanonennetz (Details dazu im Punkt „Fang der Singschwäne“) im Winter 2013/2014 zu fangen und mit Datenloggern auszustatten.

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Abb.1: Singschwäne auf der Kiesgrube, Winter 2012/2013 (Foto: Axel Schonert)

 

Der beschwerliche Fang der Singschwäne

Im Dezember 2013 wurden drei Fangversuche bei Rackith, Landkreis Wittenberg (Sachsen-Anhalt) unternommen. Dort hielten sich über mehrere Monate bis zu 600 Singschwäne auf einem abgeernteten Maisfeld auf. Das Feld war optimal zum Fang geeignet, da es von allen Seiten gut einsehbar war und sehr viele Maisreste als Futter für die Vögel vorhanden waren. Auch die Kooperation mit der Agrargenossenschaft Rackith funktionierte sehr gut, welche das Betreten der Fläche ohne Einwand erlaubte. Durch Anfüttern konnten tatsächlich mehrfach die Schwäne in den Bereich gelockt werden, in dem das Netz aufgebaut wurde. Der Aufbau ist mit einem großen Aufwand verbunden. Zum einen musste Axel Degen (Singschwan-Experte) jeweils aus Osnabrück anreisen. Zum anderen musste das Netz in der Nacht aufgebaut werden, damit die Tiere davon nichts mitbekamen. Es war nicht leicht, das gesamte Equipment zum Teil bei Sturm, Kälte, Regen oder Schnee im Dunkeln auf das Feld zu tragen, aufzubauen, Futter auszubringen und alles ordentlich zu tarnen. Leider blieben alle drei Versuche ohne Erfolg. Ein Versuch scheiterte, weil ein Silvesterknaller die Tiere verscheuchte, ein weiterer Versuch musste abgebrochen werden, da aufgrund einbrechender Dunkelheit die Schwäne das Feld verließen, bevor sie den Fangbereich betraten. Der dritte Versuch war besonders ärgerlich, da die Technik aus immer noch unbekannter Ursache versagte. Es löste nur eine von vier Kanonen aus. Die Schwäne verließen aufgrund des Knalls das Feld und es blieb große Enttäuschung bei allen Beteiligten zurück. Die Nerven lagen zunächst blank und das weitere Vorgehen war unklar. Auch drängte allmählich die Zeit, da aufgrund des sehr milden Winters die Singschwäne nicht konstant im Gebiet verweilten und großflächig hin und her zogen. Die Biologen befürchteten, dass die Vögel sogar bald den Rückflug in die Brutgebiete antreten oder zumindest Deutschland verlassen und sich weiterhin in Polen aufhalten könnten. Wir entschieden uns dazu, das potentielle Fanggebiet stark auszudehnen und über die Landkreisgrenzen hinweg nach möglichen Fangstellen zu suchen. Das Risiko wäre sonst zu groß, dass das Projekt sonst scheitert und keine Schwäne gefangen werden können.

Ende Januar 2014 ergab sich eine perfekte Situation in Norddeutschland: es hielten sich bereits mehrere Wochen Sing- und Zwergschwäne auf einem einzigen Acker auf. Der mittlerweile vierte Fangversuch wurde gestartet – diesmal mit Erfolg! Es konnten 9 Singschwäne gefangen werden. Davon wurden zunächst 6 mit Datenloggern ausgestattet. Darunter 3 Jungtiere, ein Singschwan aus dem Vorjahr (2012) und 2 adulte Schwäne, eine ideale Mischung aus allen Altersgruppen. Die Freude war ungehalten, denn endlich flogen die ersten Logger-Schwäne! Die drei anderen Singschwäne bekamen normale Halsringe, um herauszufinden, in welcher Beziehung diese zu den Logger-Schwänen stehen (Partner, Geschwisterteil usw.). Alle Schwäne wurden auf dem bekannten Schlafplatz ausgesetzt. Dort konnten an den folgenden Tagen erfolgreiche Daten-Downloads durchgeführt werden. Der Abstand zum Vogel betrug sogar bis zu 600 m, eine Reichweite, die selbst der Erbauer der Logger nicht für möglich gehalten hätte! Die Technik funktioniert also tadellos, den Schwänen ging es gut und alles lief hervorragend. Wir schöpften neue Hoffnung, dass nun auch noch die letzten 6 Logger an den Schwan gebracht werden können. Dann wurde aber die Zeit immer knapper und es ergaben sich kaum geeignete Fangstellen. Zusätzlich galt es eine weitere Hürde zu meistern: Ich flog Ende Januar für 11 Tage nach Easton, Maryland (USA), um an dem „5th International Swan Symposium“ teilzunehmen und dort das Datenlogger-Projekt und die Ergebnisse meiner Bachelor-Arbeit vorzustellen. Am ersten Tagungstag bekam ich einen Anruf aus der Heimat mit einer zunächst schlechten Nachricht: Im Landkreis Wittenberg halten sich nur noch zum Schlafen einige Singschwäne auf, eine geeignete Fangstelle auf einer Nahrungsfläche ist nicht in Sicht. Allerdings hat sich erneut in Norddeutschland eine optimale Fangstelle ergeben, es ist nur noch die Zustimmung des Projektleiters nötig, um alle weiteren Schritte einzuleiten. Das „ok“ gab ich sofort, denn der Erfolg des Projektes stand an oberster Stelle. Am darauffolgenden Tag, dem 04.02.2014 konnten Axel Degen, Axel Schonert und einige Helfer weitere 13 Singschwäne mittels Kanonennetz fangen! Die Freude war um ein vielfaches größer als nach dem ersten Fang, denn alle Logger befanden sich nun am Schwan und das eigentliche Projekt wurde erfolgreich gestartet. Die Beringung verlief ohne Probleme und wurde schnell und professionell durchgeführt. Die Schwäne wurden wieder am Schlafplatz entlassen und sammeln bereits fleißig Daten.

Kurz nach diesem Ereignis setzte ein starker Rückzug ein, fast alle Singschwäne flogen aus dem Gebiet in nordöstliche Richtung. Wir haben also alles richtig gemacht und gerade noch rechtzeitig die überwinternden Singschwäne gefangen.

 

Moderne Technik und klassische Beobachtung – eine wirksame Kombination

Die Datenlogger sind etwa so groß wie eine Streichholzschachtel und an einem Halsring befestigt. Der Schwan bekommt diesen Halsring angelegt und trägt somit den Datenlogger (Abb.2). Das Gerät samt Ring wiegt gerade einmal 55 g und behindert den Vogel nicht, da der Halsring locker am Hals des Schwans aufliegt. Durch 6 kleine Solarzellen wird der integrierte Akku bei Tageslicht geladen und kann so im besten Fall 4 Jahre (in Ausnahmefälle auch länger) Daten sammeln. Diese müssen später per Bluetooth-Antenne und Laptop ausgelesen werden.

Das Projekt Foto 2
Abb.2: Singschwan mit Datenlogger-Halsband (Foto: Axel Schonert)

Wir sind nun auf die Rückmeldung unserer Schützlinge angewiesen, die Logger übermitteln ihre Position nicht automatisch. Viele Ornithologen in ganz Deutschland und Europa nutzen die Wintertage, um mittels Spektiv (=Fernrohr) Halsringe bei Gänsen und Schwänen abzulesen und somit einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Zugvögel zu leisten.

Sollten Sie einen Singschwan mit einem gelben Halsring beobachten, senden Sie bitte die Daten so schnell es geht an Axel Degen (Axel.Degen“at“t-online.de)! An den Ringen mit den Codes 9R00-9R11 sind Datenlogger befestigt. Dort ist es besonders wichtig, dass wir Ihre Beobachtung schnellstmöglich erhalten, um die Schwäne selbst aufsuchen und die Daten mit der Antenne auslesen zu können.

Die spätere Datenauswertung erfolgt dann am Schreibtisch. Bis es jedoch soweit ist, haben die Schwäne und wir jedoch noch einen langen Weg vor uns.

 

Erfolgreicher Download macht den Erfolg perfekt

Am 16.02.2014 wurde ein Logger-Schwan ca. 150 km weiter östlich von Osnabrück von einem Ornithologen gesichtet! Ich schnappte mir Laptop, Antenne und Verpflegung und machte mich auf zum Beobachtungsort von „9R09“ bzw. „Helene“. Alle Logger-Schwäne bekamen Namen, um die Kommunikation etwas einfacher und anschaulicher zu gestalten. „Helene“ verschwand unmittelbar nach der Beringung und niemand wusste, wo sich das Tier 2 Wochen lang aufhielt. Der Logger beinhaltete also zum ersten Mal wertvolles Datenmaterial, welches wir unbedingt auslesen wollten. Wie es allerdings so häufig bei Arbeiten in der Natur geschieht, verlief die Suche nach „Helene“ zunächst leider erfolglos. Am nächsten Tag kam dann die Meldung, dass ein weiterer Schwan in unmittelbarer Nähe aufgetaucht ist! Die „Jagd“ nach „Fridolin“ (9R08) war direkt von Erfolg gekrönt und das erste Datenpaket befand sich wenig später nach Auffinden des Vogels und erfolgreichem Download auf meinem Laptop. Am selben Tag gelang es Axel Degen bei Osnabrück, die Daten von „Carli“ (9R06) auszulesen. Alle guten Dinge sind drei: auch „Helene“ konnte noch gefunden und die Daten gesichert werden! Sie hielt sich fast 2 Wochen lang in einem abgelegenen Moor auf und zog mit einer sagenhaften Geschwindigkeit in Richtung Osten!

Wenn man von den anfänglichen Fang-Problemen absieht, legte das Projekt einen „Bilderbuch-Start“ an den Tag. Allen Beteiligten Helfern, Sponsoren und Organisatoren wird hiermit ein herzliches Dankeschön ausgesprochen! Für die tadellos funktionierende Kooperation und Flexibilität sei besonders Marcus Leonhardt und Dr. Michael Rademacher gedankt! Die kurzfristigen Absprachen und schnellen Reaktionen zu den Fangversuchen sicherten letztendlich den Erfolg des Projektes.

Alle weiteren Neuigkeiten zu den einzelnen Schwänen versuche ich jeweils so zeitnah wie möglich unter der Rubrik „Aktuelles“ online zu stellen. Ich wünsche viel Spaß beim Verfolgen der Schwäne!

Nico Stenschke
(Rackith, 11.09.2014)

3 Gedanken zu „Das Projekt

  1. Stefanie Kowarsch

    wir haben seit zwei Jahren unseren Schwan mit der Halsbandnummer AK13.Er lebtt in Bramsche Malgarten in der Hase ,hatte dieses Jahr drei und im Jahr davor vier Junge-

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  2. Martin Steinert

    Bin ja gespannt auf die Daten meines Patenschwans Martin
    Letzten Tage an der Elbe Sumpfohreule und Rotfußfalke zu sehen Bösewig
    Wurde 2014 auch im Sommer wieder beringt ?
    Ich hatte 20 Vogelarten im August in NO Grönland und 4 Eisbären ,sowie ARVED fUCHS GESICHTET
    :nach dortigen Vogelbüchern gibt es vereinzelt auch nordische Schwäne dort
    Ich sah Kurzschnalbelgänse und Weißwanengänse in der Arktis.
    Letztes Wochenende Wolfskurs in Altengrabo absolviert.Gruß Martin

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